Guillotiniert Euch selber!
Hat der Vierte Weltkrieg längst begonnen? Der französische Autor Maurice G. Dantec hat mit apokalyptischen Thesen in seinem Land einen unheimlichen Erfolg.
von Clemens Pornschlegel
Es ist Endzeit und Apokalypse, Zeit der Drachen und der Engel. Vor allem unter französischen Intellektuellen, wenn sie die Krise ihrer konfliktgebeutelten Republik zu bedenken versuchen. Für sie treibt diese Krise böse, giftige Blumen. Die folgende etwa:
"Dieses Buch ist das Kind des Chaos. Das Chaos der Welt, die sich jeden Tag neu (de-)konfiguriert unter dem grauen Himmel der Nihilismen, vor allem aber das Chaos, das erzeugt wird von der Angst, vom Selbsthass, von der Schuld und von den diversen ideologischen Müllhaufen, die aus Frankreich ein Land gemacht haben, das definitiv aus der Geschichte gefallen ist. Die französische Republik: eine Bananenrepublik ohne Bananen, eine Ölrepublik ohne Öl. Die res publica ohne res - das ist der Augenblick, in dem sich, ohne König, die Völker selbst auslöschen. Die Jakobiner-Republik: Guillotiniert euch selber, der Reihe nach!"
Rabiat reaktionär
Diese rabiat reaktionären Sätze stammen aus dem vor kurzem publizierten letzten Teil der Tagebuch-Trilogie des in Montréal lebenden französischen Autors Maurice G. Dantec. Der Titel des Riesen-pamphlets, das gegenwärtig in Frankreich in jedem Bahnhofskiosk ausliegt, lautet "American Black Box. Le Théâtre des Opérations 2002 - 2006" (Albin Michel, Paris 2007). Das Kriegstheater der Gegenwart also.
Der gigantische Welt-Crash, den Dantec über siebenhundert Seiten lang in seiner "Black Box" beschwört, ist der Vierte Weltkrieg, der nach Ansicht dieses Autors längst schon begonnen hat und noch lange nicht aufhören wird: Islamistische Internationale, unterstützt von links- und rechts-nihilistischen Volltrotteln aus "Dooforopa" stehen gegen den christlichen Okzident, den Westen, die Vereinigten Staaten: Dies ist Armageddon, das letzte Gefecht.
Dantec hat, das muss man ihm zubilligen, das Versagen der Europäer in Jugoslawien vorausgesehen, als er sich Anfang der neunziger Jahre auf Seiten der Bosnier gegen die Serben engagierte. Die Katastrophe will für ihn seither nicht aufhören. In diesem Versagen meint er den Anfang des Untergangs erkennen zu können: "Wie ein überzeitlicher Spiegel unserer Geschichte nimmt der Zerfall Ex-Jugoslawiens kein Ende. Die ethnisch-islamischen Säuberungsaktionen der Albaner gegen die Kosovo-Serben wird von Tag zu Tag schlimmer.
Die orthodoxen Metropoliten rufen Europa und Frankreich zu Hilfe. Aber die Antwort ist dumpfes Schweigen, belastet von den vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Völkermorden." Nicht zuletzt dieses Schweigens wegen ist Dantec zum Bush-Anhänger, militanten Transatlantiker, Monarchisten, vor-konziliaren Katholiken, rabiaten Anti-Linken und berauschten Apokalyptiker geworden.
Vor allem aber ist Maurice G. Dantec ein Symptom für den Schiffbruch der französischen Intelligenz, die vor ein paar Jahrzehnten noch die linksintellektuelle Avantgarde Europas stellte. Seine Biographie umfasst die Niederlage in nuce. Er ist 1959 geboren, sein Vater war Mitglied der Kommunistischen Partei, engagiert in der Résistance. Seine Jugend verbringt Dantec in der Pariser Banlieue, wo er in den üblichen pop-anarcho-linken Zirkeln der siebziger Jahre verkehrt, irgendwo zwischen Led Zeppelin, Situationistischer Internationale, Trotzki und Rimbaud.
Die Rettung durch das Schreiben
Zu Beginn der achtziger Jahre gehört er zu den Punks, dann zu den New-Wavern. Das Philosophie-Studium bei Gilles Deleuze bricht er bald wieder ab. Eine Philosophielehrerexistenz unter der Regie der Staatsverwaltung kommt für ihn nicht in Frage. Was folgt, ist ein Desaster in den späten Achtzigern, eine erfolglose Avantgarde-Musiker-Karriere, ausgehebelt vom Pop-Mainstream, Kleinjournalismus, Überleben in der Werbebranche, Telemarketing. In letzter Sekunde gelingt die Rettung durch das Schreiben.
Dantecs erster Roman "La sirène rouge", im Jahr 1993 erschienen, hatte Erfolg, 2002 kam der gleichnamige Film in die Kinos. In denselben achtziger Jahren waren die "Achtundsechziger" freilich schon durchgestartet, um es sich in den Chefsesseln der Mitterrand'schen Ministerien und Medien gemütlich zu machen.
Wenn an den wilden Reden der "American Black Box" etwas unmittelbar sichtbar wird, dann sind es die Verwerfungen zwischen den links-liberalen Hippie-Baby-Boomern und denen, die das Pech hatten, ein paar Jahre später zu kommen. Wie ein roter Faden zieht sich die Abrechnung mit den Lebenslügen der alten, neuen "gauche" durch das Buch:
Dauerbesserwisserei
mit ihrem Karrierismus, ihrer ideologisch begründeten Dauerbesserwisserei, ihrem Antisemitismus, der sich als Sympathie für die Palästinenser tarnt, und vor allem mit der Unfähigkeit, auch nur einen ernsthaften politischen Gedanken fassen zu können: zum Beispiel den, dass es die Freiheit, die sie unentwegt konsumieren, ohne GIs und B-52-Flotten nicht gäbe. Jeder texanische Barbar mit Colt und Bibel ist in den Augen von Maurice G. Dantec der Pariser linken Schickeria überlegen.
Wer das explosive Klima der Gegenwart begreifen will, nicht nur der französischen, sollte die anti-linken und anti-islamistischen Brandreden Dantecs aufmerksam zur Kenntnis nehmen, eben weil die politischen und philosophischen Kategorien nicht nur in dessen Büchern, sondern auch im Leben so kreuz und quer durcheinandergehen: Liberale entdecken Marx für sich, Marxisten finden zu de Maistre, Atheisten feiern den Apostel Paulus.
Dantec selbst bezeichnet sich als okzidental, zionistisch, christlich, sein ganzes Unternehmen ist offenbar unterfüttert mit Amphetaminen, Dance-Floor und Tatoos, und dennoch trifft er immer wieder einen Punkt: "Das einfachste Wunder, das in den katholischen Wörtern steckt? Man braucht sie nur auszusprechen, und schon wird es in der wildesten Party wunderbar still."
Dantec hat für seine Texte eine ganze Reihe schlimmer Kommentare einstecken müssen. Doch Schnellurteile wie "reaktionär" oder "rechts", "Cyber-Dandy" oder "Schizo-Christ" werden nicht ausreichen, um die Apokalypse, die Dantec im Anblick des Terrors entwirft, einfach zu dummem Zeug zu erklären. So ungenau, verzerrt und unvollständig Dantecs wilde Bücher die Weltlage auch beschreiben mögen, so genau treffen sie doch ein Unbehagen an den gängigen Urteilen:
Dass der terroristische Islam oder die Kleingangster aus den Banlieues das Neue Proletariat wären, wie in Frankreich ein paar besonders menschenfreundliche Soziologen verkünden, ist in der Tat eine närrische Behauptung. Und Verse wie "Frankreich ist eine Schlampe, sie hat uns verraten, / der Hass macht unsere Worte vulgär / wir ficken die Republik zu einer Musik, die ist populär" sind nur mit großer Mühe als Appell universaler Brüderlichkeit zu entziffern.
Schwache These
Dass es al-Qaida, der Hamas oder den iranischen Mullahs in Wahrheit gar nicht um den Islam, sondern um die 35-Stunden-Woche, Jahresurlaub und Kaufkraft für die Massen ginge, ist eine ausnehmend schwache These.
Sie wird auch nicht besser, wenn "Attac" und Le Monde Diplomatique sie mit Inbrunst propagieren. Mit offensichtlicher Genugtuung zitiert Dantec aus offiziellen Hamas-Texten, und beinahe boshaft listet er die Toten und die Massaker der vergangenen Jahre auf. Mit nicht nachlassender Energie schreibt er gegen einen Pluralismus an, dem alles gleich gültig sei und der eine Wahrheit, für die zu kämpfen sich lohnte, sowieso für einen Irrtum hält.
Die Probe aufs Exempel lässt sich, Dantec zufolge, leicht machen. Man brauche nur die Wörter "wahrer Glaube" irgendwo auszusprechen. Die betretenen Gesichter würden nicht auf sich warten lassen. Die Wirklichkeit sieht trotzdem anders aus. Maurice G. Dantec versucht sie in Szenen wie der folgenden festzuhalten:
"Der Schuss hallte in der Luft, so klar wie ein Punkt auf der weißen Seite. Ein Vogel war aufgeflogen, das Kind lag in einer glitzernden Lache, drüben auf der anderen Straßenseite. Von fern hörte ich eine Frau brüllen. Ich saugte gierig die Luft ein, gegen die Mauer geduckt, und betete im Schatten der von Einschüssen durchlöcherten Kapelle zu einem unsichtbaren Gott."
Das ist vielleicht erfunden und deshalb in einem Sachbuch nicht weit vom schwarzen Kitsch. Aber wirken tut es doch.
(SZ vom 3.4.2007)