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par Maurice G. Dantec le 08/06/2007 Süddeutsche Zeitung

Es ist Endzeit und Apokalypse, Zeit der Drachen und der Engel. Vor
allem unter französischen Intellektuellen, wenn sie die Krise ihrer
konfliktgebeutelten Republik zu bedenken versuchen. Für sie treibt diese Krise
böse, giftige Blumen. Die folgende etwa:
"Dieses Buch ist das Kind des
Chaos. Das Chaos der Welt, die sich jeden Tag neu (de-)konfiguriert unter dem
grauen Himmel der Nihilismen, vor allem aber das Chaos, das erzeugt wird von der
Angst, vom Selbsthass, von der Schuld und von den diversen ideologischen
Müllhaufen, die aus Frankreich ein Land gemacht haben, das definitiv aus der
Geschichte gefallen ist. Die französische Republik: eine Bananenrepublik ohne
Bananen, eine Ölrepublik ohne Öl. Die res publica ohne res - das ist der
Augenblick, in dem sich, ohne König, die Völker selbst auslöschen. Die
Jakobiner-Republik: Guillotiniert euch selber, der Reihe
nach!"
Rabiat reaktionär
Diese rabiat reaktionären Sätze stammen aus dem vor kurzem publizierten
letzten Teil der Tagebuch-Trilogie des in Montréal lebenden französischen Autors
Maurice G. Dantec. Der Titel des Riesen-pamphlets, das gegenwärtig in Frankreich
in jedem Bahnhofskiosk ausliegt, lautet "American Black Box. Le Théâtre des
Opérations 2002 - 2006" (Albin Michel, Paris 2007). Das Kriegstheater der
Gegenwart also.
Der gigantische Welt-Crash, den Dantec über siebenhundert
Seiten lang in seiner "Black Box" beschwört, ist der Vierte Weltkrieg, der nach
Ansicht dieses Autors längst schon begonnen hat und noch lange nicht aufhören
wird: Islamistische Internationale, unterstützt von links- und
rechts-nihilistischen Volltrotteln aus "Dooforopa" stehen gegen den christlichen
Okzident, den Westen, die Vereinigten Staaten: Dies ist Armageddon, das letzte
Gefecht.
Dantec hat, das muss man ihm zubilligen, das Versagen der
Europäer in Jugoslawien vorausgesehen, als er sich Anfang der neunziger Jahre
auf Seiten der Bosnier gegen die Serben engagierte. Die Katastrophe will für ihn
seither nicht aufhören. In diesem Versagen meint er den Anfang des Untergangs
erkennen zu können: "Wie ein überzeitlicher Spiegel unserer Geschichte nimmt der
Zerfall Ex-Jugoslawiens kein Ende. Die ethnisch-islamischen Säuberungsaktionen
der Albaner gegen die Kosovo-Serben wird von Tag zu Tag schlimmer.
Die
orthodoxen Metropoliten rufen Europa und Frankreich zu Hilfe. Aber die Antwort
ist dumpfes Schweigen, belastet von den vergangenen, gegenwärtigen und
zukünftigen Völkermorden." Nicht zuletzt dieses Schweigens wegen ist Dantec zum
Bush-Anhänger, militanten Transatlantiker, Monarchisten, vor-konziliaren
Katholiken, rabiaten Anti-Linken und berauschten Apokalyptiker
geworden.
Vor allem aber ist Maurice G. Dantec ein Symptom für den
Schiffbruch der französischen Intelligenz, die vor ein paar Jahrzehnten noch die
linksintellektuelle Avantgarde Europas stellte. Seine Biographie umfasst die
Niederlage in nuce. Er ist 1959 geboren, sein Vater war Mitglied der
Kommunistischen Partei, engagiert in der Résistance. Seine Jugend verbringt
Dantec in der Pariser Banlieue, wo er in den üblichen pop-anarcho-linken Zirkeln
der siebziger Jahre verkehrt, irgendwo zwischen Led Zeppelin, Situationistischer
Internationale, Trotzki und Rimbaud.
Die Rettung durch das
Schreiben
Zu Beginn der achtziger Jahre gehört er zu den Punks,
dann zu den New-Wavern. Das Philosophie-Studium bei Gilles Deleuze bricht er
bald wieder ab. Eine Philosophielehrerexistenz unter der Regie der
Staatsverwaltung kommt für ihn nicht in Frage. Was folgt, ist ein Desaster in
den späten Achtzigern, eine erfolglose Avantgarde-Musiker-Karriere, ausgehebelt
vom Pop-Mainstream, Kleinjournalismus, Überleben in der Werbebranche,
Telemarketing. In letzter Sekunde gelingt die Rettung durch das
Schreiben.
Dantecs erster Roman "La sirène rouge", im Jahr 1993
erschienen, hatte Erfolg, 2002 kam der gleichnamige Film in die Kinos. In
denselben achtziger Jahren waren die "Achtundsechziger" freilich schon
durchgestartet, um es sich in den Chefsesseln der Mitterrand'schen Ministerien
und Medien gemütlich zu machen.
Wenn an den wilden Reden der "American
Black Box" etwas unmittelbar sichtbar wird, dann sind es die Verwerfungen
zwischen den links-liberalen Hippie-Baby-Boomern und denen, die das Pech hatten,
ein paar Jahre später zu kommen. Wie ein roter Faden zieht sich die Abrechnung
mit den Lebenslügen der alten, neuen "gauche" durch das
Buch:
Dauerbesserwisserei
mit ihrem Karrierismus, ihrer ideologisch begründeten Dauerbesserwisserei,
ihrem Antisemitismus, der sich als Sympathie für die Palästinenser tarnt, und
vor allem mit der Unfähigkeit, auch nur einen ernsthaften politischen Gedanken
fassen zu können: zum Beispiel den, dass es die Freiheit, die sie unentwegt
konsumieren, ohne GIs und B-52-Flotten nicht gäbe. Jeder texanische Barbar mit
Colt und Bibel ist in den Augen von Maurice G. Dantec der Pariser linken
Schickeria überlegen.
Wer das explosive Klima der Gegenwart begreifen
will, nicht nur der französischen, sollte die anti-linken und
anti-islamistischen Brandreden Dantecs aufmerksam zur Kenntnis nehmen, eben weil
die politischen und philosophischen Kategorien nicht nur in dessen Büchern,
sondern auch im Leben so kreuz und quer durcheinandergehen: Liberale entdecken
Marx für sich, Marxisten finden zu de Maistre, Atheisten feiern den Apostel
Paulus.
Dantec selbst bezeichnet sich als okzidental, zionistisch,
christlich, sein ganzes Unternehmen ist offenbar unterfüttert mit Amphetaminen,
Dance-Floor und Tatoos, und dennoch trifft er immer wieder einen Punkt: "Das
einfachste Wunder, das in den katholischen Wörtern steckt? Man braucht sie nur
auszusprechen, und schon wird es in der wildesten Party wunderbar still."
Dantec hat für seine Texte eine ganze Reihe schlimmer Kommentare
einstecken müssen. Doch Schnellurteile wie "reaktionär" oder "rechts",
"Cyber-Dandy" oder "Schizo-Christ" werden nicht ausreichen, um die Apokalypse,
die Dantec im Anblick des Terrors entwirft, einfach zu dummem Zeug zu erklären.
So ungenau, verzerrt und unvollständig Dantecs wilde Bücher die Weltlage auch
beschreiben mögen, so genau treffen sie doch ein Unbehagen an den gängigen
Urteilen:
Dass der terroristische Islam oder die Kleingangster aus den
Banlieues das Neue Proletariat wären, wie in Frankreich ein paar besonders
menschenfreundliche Soziologen verkünden, ist in der Tat eine närrische
Behauptung. Und Verse wie "Frankreich ist eine Schlampe, sie hat uns verraten, /
der Hass macht unsere Worte vulgär / wir ficken die Republik zu einer Musik, die
ist populär" sind nur mit großer Mühe als Appell universaler Brüderlichkeit zu
entziffern.
Schwache These
Dass es al-Qaida, der Hamas oder den iranischen Mullahs in Wahrheit gar nicht
um den Islam, sondern um die 35-Stunden-Woche, Jahresurlaub und Kaufkraft für
die Massen ginge, ist eine ausnehmend schwache These.
Sie wird auch nicht
besser, wenn "Attac" und Le Monde Diplomatique sie mit Inbrunst propagieren. Mit
offensichtlicher Genugtuung zitiert Dantec aus offiziellen Hamas-Texten, und
beinahe boshaft listet er die Toten und die Massaker der vergangenen Jahre auf.
Mit nicht nachlassender Energie schreibt er gegen einen Pluralismus an, dem
alles gleich gültig sei und der eine Wahrheit, für die zu kämpfen sich lohnte,
sowieso für einen Irrtum hält.
Die Probe aufs Exempel lässt sich, Dantec
zufolge, leicht machen. Man brauche nur die Wörter "wahrer Glaube" irgendwo
auszusprechen. Die betretenen Gesichter würden nicht auf sich warten lassen. Die
Wirklichkeit sieht trotzdem anders aus. Maurice G. Dantec versucht sie in Szenen
wie der folgenden festzuhalten:
"Der Schuss hallte in der Luft, so klar
wie ein Punkt auf der weißen Seite. Ein Vogel war aufgeflogen, das Kind lag in
einer glitzernden Lache, drüben auf der anderen Straßenseite. Von fern hörte ich
eine Frau brüllen. Ich saugte gierig die Luft ein, gegen die Mauer geduckt, und
betete im Schatten der von Einschüssen durchlöcherten Kapelle zu einem
unsichtbaren Gott."
Das ist vielleicht erfunden und deshalb in einem
Sachbuch nicht weit vom schwarzen Kitsch. Aber wirken tut es doch.